Arzneimittelprüfung und Arzneimittelbilder

Hahnemann hat vor circa 200 Jahren entdeckt, daß bestimmte Naturstoffe, in kräftigen Dosen regelmäßig eingenommen, am gesunden Menschen Krankheitserscheinungen erzeugen, welche für den eingenommenen Stoff charakteristisch sind. So, wie wir aus dem täglichen Leben wissen, daß Kaffee Herzklopfen und Schlaflosigkeit, die Küchenzwiebel beim Schneiden Augentränen und Fließschnupfen erzeugen, so kann man für sehr viele Substanzen beobachten, daß sie bestimmte Symptome hervorbringen, die nach dem Absetzen innerhalb einer bestimmten Zeit wieder von selbst verschwinden.

Als Geburtsstunde der Homöopathie wird das Jahr 1790 gefeiert, als Hahnemann seinen berühmten Selbstversuch mit der Chinarinde unternahm, um die damit erzielten Erscheinungen zu untersuchen. Nach der Einnahme wurde er „krank“ und produzierte malariaähnliche Symptome. Setzte er die Chinarinde ab, verschwanden diese wieder, um sich nach erneuter Einnahme wiedereinzustellen. – Seither gilt die Chinarinde bei einer bestimmten Form der Malaria als gutes homöopathisches Simile.

Durch systematisches „Prüfen“ derartiger Substanzen am gesunden Menschen und genaues Beobachten und Notieren der aufgetretenen Symptome entstanden so die Homöopathischen Arzneimittelbilder, die in den Arzneimittellehren schriftlich festgehalten sind. Diese Arzneimittelbilder sind lebendige Beschreibungen, welche die Wirkungen der jeweiligen Substanz auf den menschlichen Organismus aufzeigen.

Dieser sich weltweit eingebürgerte Begriff ist allerdings ein wenig unglücklich gewählt und irreführend, da er den Eindruck erweckt, es handele sich um einen bestimmten Typ, der in einem Arzneimittelbild beschrieben wird. Das ist jedoch nicht der Fall. Es handelt sich vielmehr um pathologische Zustände von vielen verschiedenen Prüfern. Hahnemann spricht auch nur von Symptomenreihen (niemals von Arzneimittelbildern!), was viel zutreffender ist, da diese „Bilder“ keine echten Bilder sind und sich, wie gesagt, aus den Ergebnissen vieler Prüfer zusammensetzen, keinesfalls aber einen gemeinsamen Typ beschreiben. Für Sulfur beispielsweise, Schwefel in potenzierter Form, einem der „allergrößten“ homöopathischen Arzneimittel besonders hinsichtlich chronischer Leiden, werden im Kent-Repertorium circa 8.960 Symptome angeführt; hier von einem Sulfur-Typ zu sprechen, wäre wirklich töricht und an den eigentlichen Zusammenhängen und Tatsachen vorbei, da dieses Mittel „auf fast jeder Hochzeit mittanzt“! Schon der berühmte amerikanische Homöopath Kent räumte seinerzeit (vor ca. 100 Jahren!) mit derartigen Ansichten auf, indem er bzgl. der Küchenschelle, welche gerne blauäugigen, blonden Mädchen mit weinerlichem Gemüt verschrieben wird, treffend und drastisch formulierte: „Pulsatilla hat niemals bei einer Arzneimittelprüfung blonde Haare und blaue Augen erzeugt.“

Symptomenverzeichnis

Symptomenverzeichnis von Hahnemann


Die Symptome sind keineswegs nur objektive, das heißt mit wissenschaftlich anerkannten Methoden nachprüfbare oder sichbare, fühlbare Symptome, sondern es spielen auch die rein subjektiven Empfindungen und Gefühle des Patienten eine gewichtige Rolle. Oder besser gesagt: Gerade diese subjektiven Symptome haben für die Arzneimittelwahl häufig einen viel höheren Stellenwert als die objektiven! Durch sie wird der Patient individualisiert; er unterscheidet sich von seinen Leidensgenossen in ganz kleinen, für den gewöhnlichen Arzt, unscheinbaren Dingen. So spielen individuelle Empfindungen, signifikante Gemütssymptome, Verlangen und Abneigungen hinsichtlich bestimmter Nahrungsmittel, Einbildungen und vieles mehr oft eine zentrale Rolle.

Das Ähnlichkeitsgesetz besagt nun, daß nur derjenige Stoff in der Lage ist, einen kranken Menschen zu heilen, dessen Arzneimittelbild dem Symptomenbild des Patienten am ähnlichsten ist. Mit dem Symptomenbild des kranken Menschen sind nun nicht nur die organischen Läsionen und sichtbaren Erscheinungen gemeint, sondern auch alle subjektiven Dinge, wie das Verlangen nach kalter Milch oder das Gefühl eines Abwärtsdrängens im Unterleib der Frau, als ob „alles heraustreten wollte“. Gerade bei diesem letzten Symptom, das recht häufig anzutreffen und sehr ernst zu nehmen ist, würde jeder Schulmediziner lächeln und nach negativem Befund die Patientin als „spinnert“ abtun.

Homöopathie ist Individualtherapie! 10 Grippepatienten bekommen mit ziemlicher Sicherheit 10 verschiedene Arzneimittel. Sie alle haben Grippe, das heißt Symptome, welche die Art der Krankheit katalogisieren – grob schematisieren. Aber jeder Grippepatient unterscheidet sich in ganz individuellen Punkten von allen anderen: Der eine hat einen linksseitigen Kopfschmerz, der andere einen rechtsseitigen; ein weiterer hat Schweißausbrüche während des Fiebers, ein anderer schwitzt überhaupt nicht, hat nur trockene Hitze; ein dritter mag nichts trinken, und das, obwohl er sehr viel schwitzt; ein weiterer verlangt nur nach eisgekühlten Getränken, erbricht sie aber sofort wieder. Ein anderer möchte etwas Warmes bzw. Heißes zu trinken haben und trinkt immerfort in kleinen Schlucken, während ein nächster ständig das ganze Glas auf einmal hinunterstürzt, und so weiter. Sie sehen: Kein Fall gleicht dem anderen! Und doch haben sie alle Grippe! Erhält jeder Kranke sein individuelles Mittel wird baldige Besserung eintreten. Die durch dieses Mittel ausgelöste Kunstkrankheit, die dem Körper aufgrund der richtigen Simile-Wahl – der Wahl des ähnlichen Arzneimittels – aufgeprägt wird, verbindet sich mit der Lebenskraft, bringt diese wieder in ihre „richtige Schwingung“, so daß sie die Krankheit aus eigenem Antrieb schrittweise zurücknehmen kann – ohne jegliche Nebenwirkung! Nur auf Basis des energetischen Prinzips!

Eine Arznei ist also nicht homöopathisch, weil sie verdünnt und dynamisiert ist und in kleinsten Dosen eingenommen wird, sondern sie ist homöopathisch, weil sie aufgrund des Ähnlichkeitsprinzips ausgewählt wurde! Ein himmelweiter Unterschied, der leider nur von den wenigsten verstanden wird!

Ein dynamisiertes Arzneimittel zeigt bei einem Patienten immer Wirkung, sofern nach dem Ähnlichkeitsprinzip verordnet wird. Und das auch ohne Suggestion, ohne daran zu glauben! Es wirkt sogar bei Säuglingen, Kindern, Pflanzen und Tieren; selbst bei Ohnmächtigen oder Feten im Mutterleib! Auch bei ahnungslosen Menschen, die gar nicht wissen, daß sie – vielleicht heimlich im Kaffee – von ihrer Frau therapiert werden; derartige Fälle sind in der homöopathischen Literatur zuhauf dokumentiert. Außerdem kommt es häufig auch zu mehr oder weniger ausgeprägten Erstverschlimmerungen, welche sich der Patient nun wirklich nicht gewünscht hat! Kent sagt es ganz prägnant: „Jegliche Suggestion versagt, wenn das Mittel nicht paßt“, wenn es also nicht das Simile des Menschen war, sondern etwa nur organotrop (organbezogen) ausgesucht wurde.

 

(Auszug aus dem Buch ”Klassische Homöopathie für die junge Familie” von Dr. Joachim-F. Grätz)




Tisani VerlagTISANI - Bücher für Ihre Gesundheit

 

 

SFNav_up

 

 

 

[Home] [Neuerscheinungen] [Bücher] [Homöopathische Fragebogen] [Klassische Homöopathie] [Kontakt/Impressum] [AGB]